Zusammenfassung
Ein Pflegegrad ist Voraussetzung für Pflegegeld und Zuschüsse der Pflegekasse. Der Antrag erfolgt bei Ihrer Pflegekasse, die Begutachtung durch den Medizinischen Dienst. Die 5 Pflegegrade basieren auf einer Punktebewertung in 6 Modulen. Der gesamte Prozess dauert etwa 25 Arbeitstage.
Ein anerkannter Pflegegrad ist die Voraussetzung für alle Leistungen der Pflegekasse — vom Pflegegeld über Verhinderungspflege bis zu Zuschüssen für die 24 Stunden Betreuung. Doch viele Angehörige scheuen den Antrag, weil er kompliziert wirkt. Dabei ist der Ablauf klar geregelt. In diesem Ratgeber erklären wir Ihnen jeden Schritt.
Was ist ein Pflegegrad?
Seit 2017 gibt es in Deutschland fünf Pflegegrade (1 bis 5), die den Grad der Selbstständigkeit einer Person beschreiben. Pflegegrad 1 steht für geringe Beeinträchtigungen, Pflegegrad 5 für schwerste Beeinträchtigungen mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung. Je höher der Pflegegrad, desto mehr Leistungen stehen Ihnen zu.
Wer stellt den Pflegegrad fest?
Die Begutachtung wird vom Medizinischen Dienst (MD) durchgeführt — bei gesetzlich Versicherten. Privat Versicherte werden von Medicproof begutachtet. Ein Gutachter kommt zu Ihnen nach Hause und bewertet die Selbstständigkeit in sechs Bereichen (Modulen).
Die 6 Module der Begutachtung
Der Gutachter bewertet sechs Lebensbereiche. Jedes Modul fließt mit einem bestimmten Gewicht in die Gesamtbewertung ein:
Mobilität
Fortbewegen innerhalb der Wohnung, Treppensteigen, Positionswechsel im Bett
Kognitive & kommunikative Fähigkeiten
Orientierung, Erkennen von Personen, Entscheidungen treffen
Verhaltensweisen & psychische Problemlagen
Unruhe, Aggressivität, Ängste, Wahnvorstellungen, Depression
Selbstversorgung
Körperpflege, Anziehen, Essen, Trinken, Toilettengang — das wichtigste Modul
Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen
Medikamente, Arztbesuche, Verbandswechsel, Therapien
Gestaltung des Alltagslebens
Tagesablauf gestalten, soziale Kontakte pflegen, Beschäftigungen
* Module 2 und 3 werden zusammen bewertet — nur der höhere Wert fließt ein. Die Gewichtung von 15% gilt für den höheren der beiden Modulwerte.
Punktetabelle: So werden Pflegegrade vergeben
Aus der Bewertung aller Module ergibt sich eine Gesamtpunktzahl zwischen 0 und 100. Je höher die Punktzahl, desto höher der Pflegegrad:
Schritt-für-Schritt: So beantragen Sie einen Pflegegrad
Antrag bei der Pflegekasse stellen
Rufen Sie Ihre Pflegekasse an (die ist an Ihre Krankenkasse angegliedert) und beantragen Sie einen Pflegegrad. Das geht formlos per Telefon. Die Pflegekasse schickt Ihnen dann ein Antragsformular zu. Alternativ können Sie den Antrag auch schriftlich oder online stellen. Wichtig: Schon der Anruf gilt als Antragsdatum — Leistungen werden rückwirkend ab diesem Datum gewährt.
Termin mit dem Medizinischen Dienst
Die Pflegekasse beauftragt den MD (ehemals MDK) mit der Begutachtung. Sie erhalten einen Terminvorschlag — in der Regel innerhalb von 2 bis 4 Wochen. Der Gutachter kommt zu Ihnen nach Hause.
Die Begutachtung
Der Gutachter beobachtet und befragt die pflegebedürftige Person in den sechs Modulen. Er prüft, wie selbstständig alltägliche Aufgaben bewältigt werden. Die Begutachtung dauert in der Regel 1 bis 1,5 Stunden. Wichtig: Seien Sie ehrlich und beschönigen Sie nichts. Zeigen Sie die tatsächliche Situation — auch schlechte Tage gehören dazu.
Bescheid erhalten
Innerhalb von etwa 25 Arbeitstagen nach Antragstellung erhalten Sie den schriftlichen Bescheid der Pflegekasse mit dem zugewiesenen Pflegegrad. Sind Sie mit dem Ergebnis nicht einverstanden, können Sie innerhalb eines Monats Widerspruch einlegen.
5 Tipps für eine erfolgreiche Begutachtung
- Pflegetagebuch führen: Notieren Sie mindestens 2 Wochen vor dem Termin, welche Hilfe Ihr Angehöriger täglich benötigt — inklusive Uhrzeiten und Dauer.
- Alle Einschränkungen dokumentieren: Listen Sie Diagnosen, Medikamente, Hilfsmittel und Arztberichte auf. Legen Sie diese dem Gutachter vor.
- Nichts beschönigen: Viele Pflegebedürftige wollen vor dem Gutachter „fit" wirken. Erklären Sie vorher, dass es wichtig ist, die Realität zu zeigen.
- Angehörige dabei haben: Lassen Sie sich oder eine Vertrauensperson beim Termin unterstützen. Angehörige können wichtige Beobachtungen ergänzen.
- Bei Ablehnung Widerspruch einlegen: Etwa ein Drittel aller Widersprüche ist erfolgreich. Lassen Sie sich den Gutachtenbericht zuschicken und prüfen Sie die Bewertung.
Mit dem Pflegegrad zur 24h Betreuung
Sobald der Pflegegrad anerkannt ist, stehen Ihnen Pflegegeld und weitere Zuschüsse zu. Erfahren Sie in unserem Kosten-Ratgeber, wie Sie diese Zuschüsse optimal für eine 24 Stunden Betreuung einsetzen. Oder nutzen Sie unseren Kostenrechner für eine individuelle Berechnung.